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Warum wird der Unterricht nur in 60-Minuten-Einheiten gegeben?

Die sogenannte “Zeitstunde” hat sich im instrumentalen Einzelunterricht bewährt. Sie ermöglicht über individuell anpassbare Begrüßungsphasen (besonders wichtig bei den jüngsten Schülern) und die natürliche Einspielzeit einen optimalen Konzentrations- und Leistungsaufbau beim Schüler, ohne stressigen Zeitdruck. Spontan auftretende Fragen bzw. Problemstellungen und die damit verbundenen Lösungen oder Exkurse (Hörbeispiele, Recherche) werfen nicht gleich die ganze Unterrichtsplanung über den Haufen.

Während ich die “Schulstunde” (40-45 Min.) als gerade noch praktikabel ansehe, entbehren die mittlerweile gar nicht so seltenen 30-Minuten-Einzelunterricht-Angebote jeder Rechtfertigung und Seriosität, zumindest beim Unterricht an Tasteninstrumenten. Hierbei hat das vermeintlich günstigere Honorar eine Blendwirkung; denn der Mangel an Zeit geht inhaltlich und sicher auch zu einem beträchtlichen Teil in pädagogischer Hinsicht immer zu Lasten des Schülers und seiner musikalisch-künstlerischen Entwicklung.

Folgende Fragen werden regelmäßig gestellt. Die Antworten darauf sind durchaus diskutabel. Sie entsprechen allerdings meiner persönlichen Ansicht und basieren auf den Standards einer umfassenden musikalischen Ausbildung sowie meiner über 20-jährigen Unterrichtserfahrung.

          – Warum wird der Unterricht nur in 60-Minuten-Einheiten gegeben?

          – Ist Einzelunterricht besser als Gruppenunterricht?

          – Müssen Klavierschüler*innen auch täglich üben?

Ist Einzelunterricht besser als Gruppenunterricht?
Jein!!!

Als Ergänzung hat der Unterricht in der Gruppe mit seinen interessanten und ständig weiterentwickelten Unterrichtskonzepten und Methoden wie jede Art von Ensemble-Arbeit einen sehr großen (musik-) pädagogischen Wert. So formulieren die bayerischen Bildungsleitlinien in 2012: „Lernen in Interaktion, Kooperation und Kommunikation ist der Schlüssel für hohe Bildungsqualität. Zukunftsfähige Bildungskonzepte beruhen auf Lernformen, die auf den Erkenntnissen des sozialen Konstruktivismus basieren und das Von- und Miteinanderlernen (Ko-Konstruktion) in den Mittelpunkt stellen.“ Gleiche Anforderungen können aber auch an einen guten Einzelunterricht gestellt werden – und er kann das auch leisten im intensiven Dialog zwischen Schüler/in und Lehrkraft.

So findet beispielsweise der Gruppenunterricht nach der bekannten Suzuki-Methode immer in Kombination mit Einzelunterricht statt (vgl. AG 10 „Der Gruppenunterricht in der Suzuki-Methode im Vergleich mit anderen Gruppenformationen“, Referentin: Flora Gáll (Hof), Musikschulkongress 2013 in Bamberg): „Er konzentriert sich auf das Erlebnis des gemeinsamen Musizierens und vertieft dabei die Arbeit des Einzelunterrichts. Er ist Motivation und Vorbereitung für Kammermusik sowie späteres Orchester-/Ensemblespiel“, wie eben der Einzelunterricht das Fundament setzt für späteres Musizieren in der Gruppe – allem vorausgesetzt, der Schüler/die Schülerin ist überhaupt zum Musiklernen in der Gruppe bereit.

Es gilt also in jedem Falle, genau hinzusehen, wenn eine Institution ausschließlich Instrumentalunterricht in Gruppen anbietet bzw. der angebotene Einzelunterricht in unseriös kurzen Unterrichtseinheiten (30 Minuten oder gar weniger) oder/und zu deutlich erhöhtem Tarif angeboten wird. Das entsprechend unattraktive schlechte Preis-Leistungsverhältnis drängt das günstigere Gruppenangebot geradezu auf. Wirtschaftlich äußerst attraktiv ist das Angebot von Unterricht in Gruppen in jedem Fall für die Institution, insbesondere, wenn sie beispielsweise als öffentliche Musikschule von den Sparzwängen der Kommunen gebeutelt wird und die möglichst große „Schülermasse“ als Beweis für erfolgreiche Musikschularbeit und damit als Argument für eine weiter fortlaufende Bezuschussung dient.

Obacht also, wenn die gute Pädagogik des Gruppenunterrichts als alleiniges Allheilmittel für wirtschaftlichen Mangel verheizt wird und letztendlich der junge Musikschüler die Zeche bezahlt, da „seine“ Lehrkraft ihm nur noch ein Minimum an individueller Zeit zum Erlernen der komplexen Fähigkeiten des praktischen Musizierens widmen kann bzw. darf.

Fazit: Gerade für den instrumentalen Anfangsunterricht ist der Einzelunterricht zur Erlangung der grundlegenden schöpferischen und technischen Fähigkeiten hoch effektiv und unverzichtbar. Im Einzelunterricht kann individuell, intensiv, genau gearbeitet und die künstlerisch-musikalische Entwicklung des Schülers nachhaltig durch die Lehrkraft begleitet werden – wenn diese denn auch genügend Zeit in ihren Unterrichtseinheiten zur Verfügung stellt. Parallel sollte kammermusikalisches Zusammenspiel mit den dazu notwendigen Lern- und Übungsphasen in der Gruppe im Unterrichtsangebot enthalten sein.

Diese Faktoren sind der Schlüssel für qualitativ hohe und zukunftsfähige musikalische Bildung!

Müssen Klavierschüler auch täglich üben?

Eigentlich macht das Musizieren am Klavier so viel Spaß, dass man am liebsten keinen Tag darauf verzichten mag 😉

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